Was trägst du mit dir? Cyanotypie zwischen Individuum und Gemeinschaft
Was trägst du mit dir? Cyanotypie zwischen Individuum und GemeinschaftCyanotypie als fotografisches Porträt des Alltags
Im Workshop „Was trägst du mit dir?“ wird der Tascheninhalt zum Motiv für Cyanotypien. Alltagsgegenstände werden ausgewählt, arrangiert, digital dokumentiert und als kameralose Kontaktbilder belichtet. Das Ergebnisse sind tiefblaue Schattenbilder, die individuelle Spuren des Alltags sichtbar machen. Beim anschließenden Vergleich der Werke eröffnen sich Gespräche über Gewohnheiten, Identität und persönliche Lebenswelten. Die analoge Bildpraxis wird dabei mit Fragen digitaler Sichtbarkeit und Selbstdarstellung verknüpft: Welche Spuren unseres Alltags werden sichtbar, welche bleiben verborgen? Wie entstehen Bilder von uns selbst und wer bestimmt, was gezeigt wird? Im Sinne der Digital Art Education reflektieren die Teilnehmenden die Entstehung, Dokumentation und Zirkulation von Bildern sowie die Rolle materieller und digitaler Artefakte bei der Konstruktion von Identität. Während soziale Medien, Smartphones und digitale Plattformen unseren Alltag zunehmend durch Bilder dokumentieren und kuratieren, bietet die Cyanotypie einen bewussten Gegenpol: Sie verlangsamt Bildproduktion und lenkt die Aufmerksamkeit auf Auswahlprozesse, Materialität und persönliche Bedeutung. Die Aufgabe fördert Wahrnehmungs-, Gestaltungs-, Medien- und Reflexionskompetenz und verbindet historische Fototechniken mit aktuellen Fragen digitaler Bildkulturen, der Datenspur des Individuums sowie der Beziehung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Im Kontext von „Alone or Together?“ werden persönliche Gegenstände zu Ausgangspunkten für die Auseinandersetzung mit Gemeinsamkeiten, Unterschieden und gesellschaftlicher Vernetzung.
Description
Der Workshop „Was trägst du mit dir?“ entstand im Rahmen des VIENNA DIGITAL CULTURES Festival 2026 und der Ausstellung „alone or together“ im Foto Arsenal Wien. Ausgangspunkt ist die Frage, wie sich individuelle Identität über persönliche Gegenstände, Bilder und Spuren des Alltags ausdrückt und wie sich diese mit den Erfahrungen anderer Menschen überschneidet. Der eigene Tascheninhalt dient dabei als alltägliches Selbstporträt. Es geht ausdrücklich nicht um perfekt inszenierte Objekte, sondern um einen offenen und wertfreien Blick auf die Dinge, die uns täglich begleiten. Nach einer kurzen Einführung in die Cyanotypie wird die historische Fototechnik direkt praktisch erprobt. Die Teilnehmenden arrangieren ihre Gegenstände zunächst auf einem A4-Blatt und dokumentieren die Anordnung fotografisch. Anschließend wird die Komposition auf lichtempfindliches Cyanotypie-Papier übertragen, mit UV-Licht belichtet und in Wasser entwickelt. Die Objekte hinterlassen dabei als Kontaktabdrücke charakteristische blaue Schattenbilder. Zum Abschluss werden die fertigen Arbeiten gemeinsam betrachtet und besprochen. Dabei wird sichtbar, welche Gegenstände sich wiederholen, welche Rückschlüsse wir aus ihnen ziehen und wie unterschiedlich Menschen ähnliche Objekte mit Bedeutung aufladen. Das Vermittlungskonzept verbindet eine analoge fotografische Technik bewusst mit Fragestellungen der Digital Art Education. Während digitale Medien heute permanent Bilder erzeugen, speichern und verbreiten, macht die Cyanotypie Bildproduktion als materiellen und entschleunigten Prozess erfahrbar. Die Teilnehmenden setzen sich mit der Frage auseinander, wie Identität durch Bilder konstruiert wird, welche persönlichen Informationen durch Objekte sichtbar werden und welche Unterschiede zwischen materiellen und digitalen Spuren bestehen. Der Tascheninhalt kann dabei als physisches Gegenstück zu digitalen Profilen, Fotoarchiven oder Datenspuren verstanden werden. Der Workshop knüpft an aktuelle Diskurse über digitale Sichtbarkeit, Selbstdarstellung, Privatheit und die Kuratierung des eigenen Lebens an. Fragen wie „Welche Aspekte meiner Person werden sichtbar?“, „Welche Informationen gebe ich bewusst preis?“ oder „Welche Bilder entstehen von mir durch meine Gegenstände?“ fördern die kritische Reflexion über Bildkulturen und digitale Lebenswelten. Gleichzeitig wird thematisiert, dass Bilder niemals neutrale Abbilder der Realität sind, sondern stets durch Auswahl, Perspektive und Kontext entstehen. Neben gestalterischen und fotografischen Kompetenzen werden Wahrnehmungs-, Kommunikations-, Medien- und Reflexionskompetenzen gefördert. Die Teilnehmenden lernen, persönliche Erfahrungen in Bilder zu übersetzen, Bildwirkungen zu analysieren und eigene wie fremde Lebenswelten wertschätzend zu reflektieren. Durch die Verbindung von historischem fotografischem Verfahren und aktuellen Fragen digitaler Kultur eröffnet die IDEA einen niederschwelligen Zugang zu zentralen Themen zeitgenössischer Kunst- und Medienbildung und macht Zusammenhänge zwischen analoger und digitaler Bildpraxis erfahrbar.
Tasks and specific work steps
1. Einstieg, inhaltliche Einführung & Einführung in die Cyanotypie (ca. 15–20 Min.)
Begrüßung und Vorstellung des Workshop-Teams. Gemeinsamer Einstieg über die Fragen: Was tragen wir täglich mit uns? Was erzählen unsere Gegenstände über uns? Welche Dinge würden wir anderen zeigen, welche lieber nicht? Anschließend wird eine Verbindung zu heutigen digitalen Lebenswelten hergestellt: Welche Spuren hinterlassen wir analog durch unsere persönlichen Gegenstände, welche digital durch Smartphones, Apps oder Social Media? Darauf aufbauend erfolgt eine kurze Einführung in die Cyanotypie als frühes fotografisches Verfahren sowie in den geplanten Arbeitsprozess.
2. Tascheninhalt sichten (ca. 15 Min.)
Alle Teilnehmenden leeren ihre Taschen und wählen alltägliche Gegenstände aus. Wer nichts Privates zeigen möchte, greift einfach auf neutrale oder bereitgestellte Objekte zurück.
3. Anordnung & Reflexion (ca. 15 Min.)
Die Auswahl wird auf einem weißen A4-Blatt platziert und zur Erinnerung als Foto festgehalten. Begleitende Impulsfragen stoßen erste Gedanken an: Was fällt am eigenen Tascheninhalt auf? Was wurde nur zögerlich ausgepackt? Was könnte sich bei anderen wiederholen?
4. Belichtung (ca. 10–20 Min.)
Das Team verteilt die Cyanotypie-Papiere. Die Gegenstände werden zügig auf die lichtempfindliche Fläche übertragen und anschließend im Sonnenlicht belichtet.
5. Auswaschen & Trocknen (ca. 5–10 Min.)
Die belichteten Papiere werden im Wasserbad entwickelt. Die fertigen Prints hängen zum Trocknen an einer Wäscheleine.
6. Gruppengespräch (ca. 20–30 Min.)
Sobald alle Arbeiten aufgleint sind, werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede diskutiert. Im Raum stehen Fragen zu Alltagsroutinen, Sicherheit, Arbeit oder vorschnellen Annahmen über andere.
7. Abschluss:
Zum Ende betrachten alle die Ergebnisse im Überblick. Danach nimmt jede Person ihren eigenen Print mit.
Sources and References
Literatur und Publikationen
Keiser, Daniela / Jungmann, Stella (Hrsg.): BLEU BLAU BLUE BELLELAY. Expérimentations en cyanotype / Experimente mit der Cyanotypie, Online verfügbar unter: DNB-Katalog-ID 137292373X/34. Schürch, Anna / Settele, Bernadett / Willenbacher, Sabine: (Un)mögliche Didaktik. Kunstpädagogische Positionen und Praxen, Moodle-Bereitstellung.
Ausstellungskontext
Foto Arsenal Wien: Ausstellung alone or together, Wien, Kuratorischer Rahmen und Themenstellung zur Relation von Individuum, Gemeinschaft und Alltagskultur.
Museums- und Online-Quellen
The Metropolitan Museum of Art: Anna Atkins: Photographs of British Algae – Cyanotype Impressions, Online-Ressource zur Geschichte und Technik des kameralosen Kontaktverfahrens, New York.
Victoria and Albert Museum:
An A to Z of photographic processes: Cyanotype, Online-Ressource zu Historie, Chemie und Verfahrenslehre der Cyanotypie, London.
Victoria and Albert Museum: Cameraless photography, Fachtext zur kunsthistorischen Einordnung kameraloser Fotografie und der Pionierarbeit von Anna Atkins, London.
Images/Examples
Tascheninhalte vor der Belichtung © 2026 by Isabella Neuriesser is licensed under CC BY-SA 4.0
Best Practice: Cyanotypie-Prints an der Wäscheleine © 2026 by Isabella Neuriesser is licensed under CC BY-SA 4.0
Work in Progress: Entwicklung im Wasser© 2026 by Isabella Neuriesser is licensed under CC BY-SA 4.0
Additional Information
Ermutigungen seitens der Autor*innen
Das Format lässt sich empfehlen, da es eine zugängliche fotografische Technik mit einem vertrauten Element verbindet: den eigenen Gegenständen. Der Tascheninhalt bietet einen niederschwelligen Einstieg, regt jedoch rasch persönliche Gespräche und die Reflexion über Gemeinsamkeiten an. Über die Cyanotypie wird die Alltagsästhetik in ein sichtbares, gemeinsames Bildarchiv überführt. Ein zentraler Qualitätspunkt liegt in der Unmittelbarkeit des Prozesses: Die Teilnehmenden erleben sämtliche Schritte von der Komposition über die Belichtung im Sonnenlicht bis hin zum fertigen Bild direkt mit und nehmen am Ende ein eigenes Werk mit nach Hause.
Vorwissen und Vorbereitung
Das Format erfordert seitens der Lehrperson eine fundierte fachliche Einführung sowie eine gezielte organisatorische Vorbereitung. Im Vorfeld sind die benötigten Materialien im Außenraum bereitzustellen: Cyanotypie-Papier, Entwicklungswannen, frisches Wasser, eine Wäscheleine mit Klammern, Standard A4 Papier sowie Sitzgelegenheiten. Anschauungsmaterial wie ein fertiger Beispiel-Print und eine begleitende Präsentation erleichtern dabei den Einstieg.
In der Durchführung gilt es, die Belichtungszeiten flexibel an die jeweiligen Licht- und Wetterverhältnisse anzupassen und den Arbeitsablauf für ein reibungsloses Abtropfen und Trocknen der Prints zu strukturieren. Als historischer Anknüpfungspunkt bieten sich die Arbeiten von Anna Atkins an, um die Ursprünge des Verfahrens anschaulich zu vermitteln.
Zugänglichkeit und Barrierefreiheit
Die Aufgabe kann auf unterschiedliche Gruppen angepasst werden. Niemand muss persönliche Gegenstände zeigen: Es können eigene neutrale Objekte oder vorbereitete Gegenstände verwendet werden. Für Personen mit wenig Vorwissen sollte der Prozess anhand eines Beispiel-Prints Schritt für Schritt gezeigt werden. Die Anordnung kann zunächst auf Papier erprobt und fotografiert werden, wodurch der Übergang zum lichtempfindlichen Papier leichter fällt. Sprachlich können die Reflexionsfragen vereinfacht oder visualisiert werden. Für Personen, die nicht gut im Außenraum arbeiten können, sollte eine alternative, gut zugängliche Sitz- und Arbeitsstation bereitstehen. Wichtig ist, dass persönliche Grenzen respektiert werden und das Teilen von Tascheninhalten freiwillig bleibt.
Zusätzliche Tools
Keine zusätzlichen digitalen Tools notwendig. Optional: Smartphone/Kamera zum Dokumentieren der Anordnung.